Wer bin ich eigentlich? 

 

 „Ich weiß, was alle brauchen. Aber nicht, was ich will."

Wenn dieser Satz etwas in dir berührt, bist du nicht allein. Viele Frauen kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie merken: Sie funktionieren. Für andere, für den Alltag, für ihre Rollen. Aber das Gefühl „das bin ich",  das ist irgendwo verloren gegangen.

 

Was ist Identität?

Identität ist das Gefühl: „Das bin ich."

Die Psychologie beschreibt Identität als das Erleben von Kontinuität. Es ist das Gefühl, über Zeit und Situationen hinweg dieselbe Person zu sein. Identität ist das innere Gerüst, an das du deine Rollen hängst. 

 

Was sind deine Rollen?

Du bist zum Beispiel Mutter, aber gleichzeitig bist du auch Partnerin, Tochter, Freundin und Kollegin. Diese Rollen geben dir Orientierung und sie sagen dir und anderen: „Das bin ich. Das tue ich. Das gehört zu mir." Aber sie sind nicht dein ganzes Du. Du bist nicht nur Mutter, nicht nur Tochter, nicht nur Kollegin. Du bist alles und dieses Alles ist wieder mehr als die Summe ihrer Teile. Deine Rollen sind die Perlen, deine Identität die Kette, woran sie hängen. 

 

Und hier liegt der entscheidende Punkt: Wenn dein Ich-Gerüst, deine Identität, stark ist, dürfen sich Rollen verändern, ohne dass du ins Wanken gerätst. Die Kinder ziehen aus, dein Job verändert sich oder eine Beziehung endet. Du trauerst,  aber du verlierst dich nicht.

Wenn dein Gerüst schwach ist, hängt deine innere Balance davon ab, dass deine Rollen funktionieren. Solange du gebraucht wirst, bist du jemand. Aber wenn eine Rolle wegbricht, dann bricht ein Stück von dir mit weg.

 

Was ist Identitätsdiffusion?

 

Wenn das Ich-Gerüst über lange Zeit schwach bleibt oder nie richtig aufgebaut wurde, spricht die Psychologie von Identitätsdiffusion. Das bedeutet: Das innere Bild von sich selbst ist verschwommen, stark widersprüchlich oder fehlt ganz. Kein klares Gefühl davon, wer man ist, was man will und was einem wirklich wichtig ist jenseits von Erwartungen von außen.

Vielleicht kennst du diese Sätze:

  • „Ich funktioniere – aber ich fühle mich nicht."
  • „Ich weiß, was alle anderen brauchen. Aber nicht, was ich will."
  • „Ich kenne mich selbst nicht mehr."
  • „Wer bin ich ohne meine Rolle als...?"

Frauen lernen oft als Mädchen, dass sie angepasst sein sollen. Sie lernen ihre Identität an den Erwartungen anderer auszurichten. Sie lernen ihre Rollen (braves Mädchen), aber bauen ein schwaches Ich-Gerüst auf. 

Dazu kommen Lebensphasen, die das Gerüst zusätzlich erschüttern: Mutterschaft, Trennung, Jobverlust, der Auszug der Kinder. Rollen brechen weg, kommen neu dazu oder ändern sich stark. Dein äußeres Leben ändert sich schneller als dein Inneres mitkommt. 

 

Wie kannst du deine Identität stärken?

 

1. Deine Werte

 

Werte sind der Kern deiner Identität. Sie sind das, was dir wirklich wichtig ist, unabhängig davon, was andere von dir erwarten und unabhängig von deinen Rollen.

Werte geben dir Orientierung, wenn sich Rollen verändern. Sie antworten auf die Frage: Wer bin ich, wenn niemand zuschaut?

Das Problem: Viele kennen ihre eigenen Werte nicht , weil sie im Laufe der Zeit die Werte anderer übernommen haben und sie für ihre eigenen halten und das nie hinterfragen. Ist Leistung wirklich dein Wert oder hast du den von deinen Eltern übernommen? 

 

Übung: Drucke eine Liste mit Werten aus dem Internet aus und schneide sie aus. Nimm immer zwei Werte und vergleiche sie: Welcher ist dir wichtiger? Wiederhole das so lange, bis du 5–7 Kernwerte übrig hast. Das ist der Kern deiner Identität.

 

2. Deine Selbstwahrnehmung

 

Selbstwahrnehmung bedeutet: Du weißt, was du fühlst und was du brauchst. Was dir guttut und was nicht. Und jetzt unterscheidet es sich von der Meditation und Achtsamkeit. Da nimmst du wahr und du bewertest es nicht. Aber hier, bei deiner Identität, da bewertest du es: finde ich das gut oder schlecht? Stimmt das mit mir überein? Diese Bewertung ist keine Kleinigkeit. Sie ist der Moment, in dem du eine eigene Position einnimmst. Und eine eigene Position zu haben: das ist Identität.

 

Viele Frauen haben gelernt, die Signale ihres eigenen Inneren zu ignorieren. Selbstwahrnehmung ist eine Fähigkeit, die du üben kannst, zum Beispiel durch ein tägliches Check-in: Was habe ich heute gefühlt? Was hat mir gutgetan? Gab es einen Moment, der sich nicht stimmig angefühlt hat?

Und durch neue Erfahrungen. Lies ein Buch aus einem anderen Genre, geh in eine Ausstellung, geh ins Kino. Frage dich immer: Wie fand ich das? Gut? Spannend? Langweilig? 

 

3. Deine Beziehungen

 

Identität entsteht nicht alleine. Die Rückmeldungen von anderen prägen stark unser Selbstbild. Und leider weiß man nie, ob die Rückmeldungen der anderen ein Spiegel sind oder ob sie dich durch ihre eigene Brille sehen und ihre Rückmeldungen mit dir gar nichts zu tun haben. 

Nicht jede Beziehung stärkt deine Identität. Beziehungen, in denen du gesehen wirst, so wie du wirklich bist, nicht so wie du funktionierst, stärken dein Ich-Gerüst. Beziehungen, in denen du dich nur über deine Rollen definierst, schwächen es.

Die Frage ist nicht nur: Wer bin ich? Sondern auch: Mit wem darf ich ich sein?

Aber auch du bist anders in Beziehungen, je nachdem ob du eine starke oder schwache Identität hast. Wenn du eine schwache hast, suchst du bei anderen Personen das, wo du selbst eine Lücke hast. Dann ist die Gefahr hoch, dass du die anderen auch verzerrt siehst und dass du überzogene Ansprüche an die Beziehung stellst. 

 

4. Deine erzählte Geschichte

 

Identität ist auch die Geschichte, die du dir über dein Leben erzählst. Bist du jemand, dem Dinge passieren? Oder jemand, der Dinge gestaltet? Siehst du dein Leben als eine Geschichte von Verlust oder von Wachstum?

Diese innere Erzählung formt, wie du dich selbst siehst. Und sie ist nicht in Stein gemeißelt, aber eine starke Gewohnheit. 

Das bedeutet nicht, schwierige Erfahrungen wegzureden. Es bedeutet: Du kannst dieselben Erlebnisse aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Nicht: „Ich bin gescheitert." Sondern: „Ich habe etwas Schwieriges erlebt und bin trotzdem weitergegangen." Die Geschichte zu ändern ist keine DIY Arbeit. Das gehört in den Bereich Coaching / Therapie.

 

Identitätsarbeit ist möglich – jetzt, in jedem Alter

 

Identitätsdiffusion ist kein Schicksal. Ein schwaches Ich-Gerüst kann gestärkt werden. Identität lässt sich aufbauen – mit 20, 35, 45 oder 55 Jahren und noch später.

Der erste Schritt ist der schwierigste: innezuhalten und hinzuschauen. Wer bin ich wirklich? Was ist mir wichtig? Welche Geschichte erzähle ich mir über mich selbst – und stimmt sie noch?

Diese Fragen lassen sich alleine stellen. Aber manchmal braucht es Unterstützung, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Als Psychologin und Therapeutin begleite ich Menschen auf diesem Weg.

Yara Ranft

Dipl.-Psychologin

Systemische Therapeutin

Familientherapeutin (DGSF)

Business Coach (IHK)

Traumafachberaterin

Heilpraktikerin Psychotherapie

Pronomen: sie/ihr

Beratungspraxis Lindenthal

 

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